BeeAthletica

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20. Oktober 2020

#roadtotokio202One

Wir freuen uns eine neue Botschafterin im beeTeam zu haben, die in den nächsten Monaten ihren Weg als Nationschwimmerin auf der #roadtotokio202One mit uns teilen wird. Kein einfacher, denn den Lebenstraum mal eben um ein Jahr verschieben zu müssen erfordert enorme Motivation, Passion und in diesen Zeiten immer wieder die Fähigkeit sich an neue Situationen anpassen zu müssen. Also: VIEL YOGA!!

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Hi, ich bin Nadine  :)

Ich bin 26 Jahre alt, schwimme schon seit ich denken kann und arbeite momentan auf mein sportliches Karriere-Highlight und meinen Lebenstraum hin: einmal an den Olympischen Spielen teilzunehmen! Ich komme ursprünglich aus einem beschaulichen Dorf namens Grafenricht und wohne und trainiere momentan in Neckarsulm. Mein Weg hat mich über ein Sport-Stipendium in den USA in die deutsche Nationalmannschaft geführt, mit der ich in den letzten Jahren Deutschland an internationalen Wettkämpfen wie Europameisterschaften und Universiade (Welt Studenten Spiele) vertreten durfte. Corona hat auch mir und meinen Plänen einen kräftigen Strich durch die Rechnung gemacht, doch ich lasse mich nicht unterkriegen und kämpfe weiter für meinen Traum.

Photo: JoKleindl

 

Hier ein Einblick wie sich das so anfühlt... 

Als am Samstag, den 7. März, mein Wecker um 6 Uhr klingelte, stand ich mit einem Grinsen im Gesicht auf und das obwohl ich nun wirklich kein Morgenmensch bin. Dieser Tag war etwas Besonderes: Die harte Arbeit war getan und die direkte Vorbereitungsphase – was unter Schwimmern „Taper“ genannt und geliebt wird – war endlich hier. Noch genau drei Wochen bis zu meinem Wettkampf in Bergen, Norwegen, und somit auch bis zu meiner größten Chance, endlich meinen Lebenstraum zu erfüllen: einmal an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Als Schwimmerin der deutschen Nationalmannschaft durfte ich schon an Europameisterschaften und Welt-Studenten Spielen (Universiade) teilnehmen und verpasste 2016 nur um 16 Hundertstelsekunden die Qualifikation für Olympia in Rio de Janeiro. Heute waren es noch genau 21 Tage bis ich hinter dem Startblock stehen und das Rennen meines Lebens abliefern dürfte. Und das war eindeutig ein Grund zum Grinsen. Ich war bereit – mehr als bereit. Die Vorbereitungen waren ideal gelaufen, meine Zeiten im Training wurden schneller und schneller und ich freute mich einfach nur, endlich „racen“ zu dürfen. Ich wusste, dass ich es schaffen konnte. Es fühlte sich so an, als müsse ich nur noch meine Fingerspitzen ausstrecken und ich wäre endlich da: am Höhepunkt meiner sportlichen Karriere.

Doch dann kam Corona – zuerst langsam und dann mit voller Gewalt.

Am Dienstag, den 10. März wurde das Bergen Swim Festival abgesagt. Einen Tag später auch mein Plan B, mein 2. Quali-Wettkampf, die Stockholm Open. Doch meine Zuversicht blieb bestehen, wenn auch etwas erzwungen. Es würde schon eine Lösung geben – vielleicht einen Wettkampf anderswo, vielleicht etwas später. Ich erlaubte mir schlicht und einfach nicht, anders zu denken – schließlich musste ich weiter trainieren, Olympia sollte ja noch wie geplant stattfinden. Auch als nach einigen Tagen unser Schwimmbad zuerst für die Öffentlichkeit und dann auch für uns Leistungsschwimmer geschlossen wurde drängte ich meine Gedanken und Zweifel in den hintersten Teil meines Kopfes. Gemeinsam mit denjenigen meiner Teamkameraden, die wie ich Teil der Nationalmannschaft sind – darunter auch mein langjähriger Freund, Fabian Schwingenschlögl - fuhr ich nach Heidelberg zum Olympia Stützpunkt, um dort weiter trainieren zu können. Doch meine Zweifel an der gesamten Situation wuchsen, mein Lebenstraum rückte immer mehr in den Hintergrund - schließlich handelte es sich dabei nun einmal doch nur um Sport. Es waren insgesamt nur ein paar Tage, an denen wir in Heidelberg am OSP trainierten, bevor auch dieser seine Türen für unvorhersehbare Zeit schloss.

Und dann die Nachricht: Olympia 2020 ist abgesagt. Wir hatten es alle erwartet, ja mittlerweile sogar erhofft, doch die endgültige Entscheidung zu hören war doch mehr als mein Kopf verarbeiten konnte. Ich fühlte mich taub. Kein Frust, keine Trauer, einfach nur Leere und Akzeptanz. „Okay, was soll‘s. Dann eben ein Jahr später,“ dachte ich mir. Doch, wie sich herausstellte, war das leichter gesagt als getan.

Meine Teamkollegen und ich hielten uns noch ein paar Tage „an Land“ fit: CrossFit, Krafttraining und hin und wieder ging ich sogar Laufen. Mein Arbeitgeber (ich arbeite neben meiner Schwimmkarriere Teilzeit als Assistenz der Geschäftsführung bei einer Firma in Stuttgart) verkündete Kurzarbeit. Die Tage flossen nur so dahin. Es passierte nichts. Es gab kein Ziel und keinen Plan mehr.

Mein Trainer beschloss, die Sommerpause vorzuziehen, da wir sowieso nicht richtig trainieren konnten, und so fuhr ich gemeinsam mit Fabian zu meinen Eltern nach Bayern zum „Sommerurlaub.“ Die Fahrt war bizarr: die Autobahnen geisterleer und unsere Stimmung fast schon angsterfüllt, da wir nicht sicher waren, ob unsere Reise gegen die Corona Verordnungen verstoß und somit illegal war. Doch wir schafften es ohne Probleme und so wie alles im Leben hatte diese absolut verrückte, traurige und frustrierende Situation doch auch etwas Gutes: Nach fünf Jahren USA Aufenthalt und zwei Jahren Wohnen im Nachbar-Bundesland konnte ich nun endlich wieder zwei Wochen „dahoam“ im kleinen, bayerischen Heimatdorf Grafenricht mit meinen Eltern und meinen zwei kleinen Schwestern verbringen. Wir spielten bestimmt die Hälfte aller Brettspiele, die es im Haus gab, (und das sind eine Menge!), gingen viel spazieren, schauten dutzende Filme und Serien und lachten als gäbe es kein Morgen. Ich verschwendete keinen einzigen Gedanken an Olympia, ans Schwimmen – ich genoss einfach nur die Zeit mit meinen Liebsten.

Nach den zwei Wochen ging es wieder zurück nach Neckarsulm und somit zurück in den Trainingsalltag, denn das Schwimmbad war für unser „Top Team“ wieder geöffnet. Die geschwommenen Kilometer wurden langsam immer mehr und die Einstellung wieder ernster. Es gab ein neues Ziel: Tokio 2021.

56. Internazionali di Nuoto Settecolli, Photo: NSU/JoKleindl

 

Doch ich fühlte mehr und mehr Unsicherheit. Ich hatte geplant, meine Karriere nach den Olympischen Spielen 2020 zu beenden, Richtung Heimat zu ziehen und voll ins Berufsleben einzusteigen. Genauso wie ich absolut kein Morgenmensch bin, sind auch Planänderungen überhaupt gar nicht mein Ding. Ich fing an mich das erste Mal in Monaten gedanklich wirklich mit der Situation auseinander zu setzen: War ich überhaupt bereit mein Leben um ein Jahr zu verschieben? Noch einmal alles für den Sport zu geben? Noch ein Jahr trainieren, ein Jahr tagtäglich im Wasser quälen, ein Jahr auf Vieles verzichten?

Nach ein paar Tagen voller harter Trainingseinheiten, aber auch glücklicher Momente mit meinen Teamkollegen, traf ich eine Entscheidung:
Ich liebe das Schwimmen noch immer und auch wenn es hart werden wird, ich bin bereit für meinen Traum zu kämpfen! #roadtotokio202One

Wünsch' mir Glück :)!

Nadine

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