BeeAthletica

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01. November 2011

Metropolengewässer

Großstadt-Pools sind anders. Nicht nur, dass sie jeden Tag ab 6.00 Uhr geöffnet haben – nein, auch die Schwimmer unterscheiden sich deutlich von denen in eher ländlichen Hallenbädern. Ich fühle mich in letzteren viel wohler, denn in der Regel teile ich mir die Bahnen in meinem geliebten heimatlichen Dorfbad morgens pünktlich um 7.30 Uhr nur mit Brust- und Rückenschwimmern der Generation 70+. Diese eingeschworene Gemeinschaft kennt und akzeptiert mich mittlerweile als einzige Kraulerin unter sich und die Damen sehen billigend darüber hinweg, dass ich ihnen Beinschlag übend die Frisur zerstöre. Wer sich -wie ich- im Wasser noch unsicher fühlt, wird verstehen, wie wunderbar sicher das Gefühl ist, zu wissen, dass niemand auf der Nebenbahn plötzlich locker gleitend -in meinen Augen wie von Schienen befördert- mit 15 Zügen pro Bahn vorbeiziehen wird. Mir macht alleine der Anblick von durchtrainiert und schnell aussehenden Menschen in Badebekleidung schon Angst, denn sofort überkommt mich das Gefühl ein Stück Treibholz zu sein, dem ich versuche durch hektischen Beinschlag und höhere Zugfrequenz entgegenzuwirken. Leider mit gegenteiligem Ergebnis, denn mit Nervosität und selbsterzeugtem Konkurrenzdruck geht bei mir im Wasser gar nichts.

Folglich steige ich heute morgen um 6.00 Uhr ziemlich aufgeregt in die sportlichen Gewässer meiner Großstadt, in denen ich seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr trainiert habe. Um mich herum zirka 10 morgendlich ambitionierte Schwimmer, die sich die sauber abgetrennten Bahnen im Uhrzeigersinn mit mir teilen. Schon auf den ersten drei Bahnen wundere ich mich, wie leicht das auf einmal alles geht. Sind die Jungs und Mädels aus dem lokalen Triathlonverein mit den 'gefährlich' gelben Kappen etwa langsamer geworden über den Sommer? Die waren es doch früher, die mich an manchen Tagen fast meine Trainings-Session abbrechen ließen, weil ich so frustriert war über mein Unvermögen auch nur eine halbe Bahn lang mithalten zu können. Immer wieder schiele ich durch meine Schwimmbrille zu meinen Mitschwimmeren, um mich zu vergewissern, dass da nicht mit Drag-Shorts geschwommen wird, denn ich kann nicht glauben, dass ich endlich mal nicht ständig überholt werde, sondern im Wasserschatten sogar dranbleiben kann. Wie ein Paar Flossen wirkt sich das gute Gefühl auf meine Wasserlage aus und ich gleite -getragen von zurückhaltender Selbstsicherheit- so ruhig durch die Bahnen, dass ich vergesse, dass ich nicht in meinem Dorfbad bin. Carsten, mein Trainer, wird auch stolz auf mich sein, denn zum ersten Mal habe ich die Schwimmstrecke in der von ihm angesetzten Zeit geschafft. Über die Frage, welchen Pool ich nun wirklich bevorzuge, muss ich ab heute wohl nochmal neu nachdenken. Gut sind sie beide, denn der eine hat mich dahin gebracht, wo ich heute glücklich schwimmend angekommen bin.

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