Dagmar

Dagmar

28. Mai 2019

Über das Glücklichsein

Sucht man nach dem Begriff Glück im Internet, werden innerhalb von 0,38 Sekunden 128 Mio. Einträge angezeigt. Ganz vorn dabei Titel wie “20 Tipps zum glücklich sein”oder “Glück ist kein Zufall”. Doch was bedeutet glücklich sein überhaupt? Ich stelle mir diese Frage regelmässig - nicht, weil ich unglücklich bin, im Gegenteil, sondern weil ich es als die essentielle Frage des Lebens ansehe. Welchen Sinn hat das Leben, wenn nicht, glücklich und zufrieden zu sein?

Nach einem arbeitsreichen Jahr habe ich mir über den Jahreswechsel eine vierwöchige Auszeit genommen und bin durch Papua Neuguinea gereist. Als begeisterter Sporttaucher hat mich besonders die noch nahezu unberührte Unterwasserwelt gelockt. Doch neben dem Tauchen begeistern mich immer wieder die Begegnungen mit den Menschen vor Ort.

Beim Reisen fällt es mir meist leicht, meine gewohnte Lebenssituation neu zu betrachten. Diesmal sind mir die Unterschiede wieder besonders deutlich geworden. In Teilen PNG’s leben die Einheimischen nach wie vor im traditionellen Sinn in kleinen Gemeinschaften aus wenigen Familien in Villages inmitten des Urwaldes und in absoluter Verbundenheit mit der Natur. Für unsere Begriffe wirken sie auf den ersten Blick arm. Rein objektiv betrachtet sind sie das sicher auch, zumindest wenn man Reichtum an der Menge materiellen Besitzes misst. Ihr  Leben spielt sich rund um eine einfache Hütte ab, unter der die Kinder und Frauen ihren Tag im Schatten verbringen. Die Männer der Familie fahren mit kleinen Einbaumbooten zum Fischen und Bewirtschaften den Garten. Die Frauen kümmern sich um die Familie und das leibliche Wohl. Eine klassische Rollenteilung. Materielle Besitztümer haben sie wenig, nur das notwendigste, was es zum Leben braucht. Einer unserer Guides lief täglich 2 Stunden von seinem Heimatort zur Arbeit, damit seine Kinder eine Schule besuchen können - eine Richtung.

Aus unserer westlichen Perspektive würde man sich fragen: Wie kann man so zufrieden sein? Doch im Gespräch mit diesen Menschen wird schnell deutlich: Natürlich ist ihnen bewusst, das ihnen zum Beispiel keine Flugreise möglich ist oder sie sich kein Motorboot leisten können, um schneller von A nach B zu gelangen. Doch unglücklich sind sie keineswegs. Im Gegenteil. Sie leben in der Gemeinschaft mit ihren Familien und der Natur und ebenjene bietet ihnen alles lebensnotwendige in Hülle und Fülle. Als Selbstversorger sind sie nahezu unabhängig von Geld und Infrastruktur. Was mich dabei am meisten zum Nachdenken brachte: Der beginnende Austausch mit der industrialisierten Welt hat einigen den Wert ihrer Lebensweise noch bewusster gemacht.

Die Aussage: ”Ich möchte gar nicht tauschen” hat mich tief beeindruckt. Und dennoch passt sie so gut in unsere heutige Zeit, in der immer mehr Menschen dem Ruf des ‘back to the nature and back to the roots’ folgen. Nicht umsonst erleben Outdooraktivitäten und Selbstfindungsangebote einen unheimlichen Boom. Sehnen sich nicht viele von uns nach etwas mehr papuaneuguineischem Dschungelleben statt Großstadttrubel und Dauerstress? Natürlich ist das für die meisten von uns schwer umsetzbar. Mich würden schon der Mangel an guten Rotwein und die dafür reichlich vorhandenen Moskitos abhalten. Nichtsdestotrotz habe ich hier im Urwald meinen guten Vorsatz nicht nur 2019 gefunden: Mehr bewusste Zeit zu genießen, in der Gemeinschaft mit mir lieben Menschen und mir selbst. Und öfter auf die Matte.

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