Isabel

Isabel

25. Februar 2015

So stark kann schwach sein

Eine Krise kann jeder Idiot haben, was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.

Anton Tschechow

 

Ich weiß nicht, ob es eine Krise war oder ob mir der Alltag zu schaffen machte: Vielleicht beides, vielleicht nichts davon. Letztlich ist das nicht mal wichtig. Ich hatte in den letzten Wochen einfach das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht diszipliniert genug zu sein, nicht hart genug zu arbeiten.

Was war passiert? Mein Triathlon-Training kam ins Stocken: Erst eine Woche Erkältung, als ich wieder auf den Beinen war, purzelte ich die Treppe runter: Bänderdehnung, Prellungen, mehrere Tage an Krücken. Mein Silvesterlauf über 10 Kilometer, auf den ich mich wochenlang gefreut hatte: gestrichen.

 

Pechmaire

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Und dann kam tatsächlich der Alltag. Lange, lange Bürositzungen, Freunde, die mich dringend brauchten, mich fiel eine Müdigkeit an, die mich einen der seltenen freien Wochenende fast komplett im Bett/auf dem Sofa verbringen ließ. Dabei hatte ich Pläne gemacht: Da mache ich ausgiebig Yoga, da kaufe ich groß ein, da koche ich für die Woche vor, da miste ich diesen und jenen Schrank für meinen Umzug im März aus, da gehe ich laufen, da rufe ich mal endlich wieder xyz an, da schreibe ich diesen Brief endlich, da bügele ich, da gehe ich noch ins Kino.

Ja. Das war der Plan. Die Realität sah anders aus. Bleierne Müdigkeit. Ein bisschen Yoga. Kein Einkauf, Resteessen. Laufen? Nee, es stürmt und regnet und ich hab schon wieder ne Schniefnase.

Dazu der Marathoni, der nur sagte: „Also, dass Du Dich als Einsteiger gleich an die olympische Distanz wagen willst, Respekt. Ist ja nicht mehr so lange hin.“

Mich beschlich das Gefühl, dass ich das alles nicht so easy auf die Reihe kriege, wie ich mir das vorgestellt hatte. Die Selbstständigkeit, die Umzugsplanungen, das Training.

Und warum bitte hat es ich zwei Wochen gekostet, um nicht nur eine Entscheidung zu treffen, sondern mich auch richtig gut dabei zu fühlen? Weil ich eine schlichte Plan-Änderung als Scheitern empfand. Und gescheitert wird nicht. Punkt.

Ich werde auf die kürzere Sprintdistanz wechseln. Die kriege ich hin, da besteht kein Zweifel. Nein, das ist nicht das absolute Austesten meiner Grenzen – aber wirklich: Das habe ich in den letzten zehn Jahren ausführlichst gehabt. Es gibt diesen schönen Satz, dass Wunder außerhalb der Komfortzone passieren. Aber was ist, wenn man seine Komfortzone gar nicht mehr kennt? Diese Gefahr droht allen, die hohe Ansprüche an sich haben.

Mein Kopf hatte also entschieden, mein Herz klagte ein bisschen, aber vor allem meckerte meine innere Oberlehrerin: „Na toll, seit wann geben wir Ziele so schnell auf?“ Als ich diesen Satz bewusst hörte, von mir selber an mich selber, hatte ich eine Antwort für diese innere Stimme: „Du hast mir mein Leben lang super geholfen, wirst es auch weiter tun. Aber jetzt halt einfach mal die Klappe.“

Und dieser Schritt war eine Erleichterung. Es war eine Erleichterung, dass auch viele Yogis und Supersportler, deren Wahnsinns-Bilder ich jeden Tag auf Facebook und Instagram sehe, harte Tage, manchmal Wochen haben. Schlapp sind, unmotiviert sind. Einfach müde.

Das war eine große Erleichterung. Ich habe diese Offenheit als großes Geschenk empfunden. Diese Ehrlichkeit kann man sich ja heutzutage kaum noch leisten, ohne schon halb als Schlaffi zu gelten, oder?

Dabei wäre doch noch nicht mal am Scheitern etwas wirklich Schlimmes dran. Ich meine, ich schade damit ja niemandem, ich bin nicht krank oder irgendetwas wirklich Ernstes. Es war eine Erkenntnis darüber, wie sehr wir uns selber unter Druck setzen.

Dabei habe ich – im Rückblick betrachtet – in Phasen des Scheiterns oder des Fast-Scheiterns am meisten gelernt. Das hat mich immer dazu bewegt, etwas anzuschauen, etwas zu ändern, an mir zu arbeiten. Und wenn das hieß, mich selbst einfach mal in Ruhe zu lassen.

Natürlich hat Yoga geholfen, einen neuen Weg und Zugang zu meinem Training zu finden: sthiram sukham asanam heißt es in Patanjalis Yogasutras, einem der Haupttexte der Yogaphilosophie. Die Haltung sollte stabil und leicht zugleich sein. Das ist jedes Mal auf der Matte eine Herausforderung, abseits der Matte umso mehr. Aber so fand ich wieder zu meinem Training zurück – mit Freude, nicht aus Pflichtgefühl.

 

Spass_am_Training

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Ich ging laufen ohne App, sondern einfach, um draußen zu sein, die Bewegung zu genießen, zu schwitzen. Wie lange, wie weit, wie schnell? Erstmal egal. Ich ging schwimmen, auch wenn ich merkte, der Tag war so lang, ich schaff`s an sich nicht wirklich gut. Ja, ich schaffe das verbissene „Ich muss mehr als 1000 Meter schwimmen“ nicht. Aber ich schaffe genussvolle 600 Meter. Ich war schwimmen – und hab nicht aus Furcht, einem hartgekochten Leistungsanspruch, den ich nicht erfüllen konnte, nicht zu genügen, letztlich gar nichts gemacht. Oder mich erschöpft.

Jetzt freue ich mich wieder auf mein Ziel: Diese Atmosphäre mal zu schnuppern mit all diesen irren Triathleten. Und das danach weiterzumachen, mir Zeit zu geben, mich aufzubauen.

Jetzt freue ich mich wieder auf mein Training, genieße es – und schaue ab und an folgenden Clip an, der einfach entzückend und toll und motivierend ist:

http://www.thisgirlcan.co.uk

Schaut das Video, lächelt – und schwitzt wie ein Schwein

Liebste Grüße,

Eure Isabel

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