Isabel

Isabel

15. März 2016

Warum Ausdauertraining Meditation ist...

Ich gehe mal davon aus, dass Ihr von Runner`s High, Endorphin-Ausschüttung und anderen zauberhaften Effekten des Ausdauer-Trainings bereits gehört habt. Aber das ist alles so eine Motivations-Argumentation des frühen Fitness-Jahrtausends, ich hatte es derart über, dass ich jahrelang nicht mehr laufen gegangen bin. Nun bin ich wieder dabei – und das Radeln und Schwimmen kommt auch noch dazu.

Im Herbst habe ich den Nürnberger Stadtlauf mitgemacht, 10 Kilometer, keine Riesensache, aber für mich endlich mal wieder ein „Wettbewerb“ nach vielen Jahren. Ich habe trainiert und ich habe mich sehr darauf gefreut. Zwei Tage vorher fing ich mir eine leichte Lebensmittelvergiftung ein – die Nacht beschreibe ich hier nicht; Ihr wisst Bescheid. Den Tag vorher lag ich völlig erschöpft und schwach zu Hause rum. Freunde schrieben mir: „Schade um Deinen Lauf.“ Ich dachte mir: „Das warten wir mal ab.“ Ich war nicht unvernünftig, ich wollte nur noch nicht abschreiben, was mir echt wichtig war. Elektrolyte auffüllen, einen ordentliche Portion Schlaf – dann sehen wir weiter, dachte ich mir.

Am Tag des Laufs ging ich morgens auf die Matte für ein paar Runden Sonnengrüße, um zu schauen, wie sich der Körper anfühlt, ob er was schaffen kann an dem Tag. Der Körper sagte „okay!“. Vor meiner Blitzkrankheit wollte ich eine bestimmte Zeit laufen, jetzt ging zunächst ums Antreten. Wenn es mir dann schlechter ginge, würde ich heimgehen, das hatte ich mir versprochen. Der Körper sagte „los!“ Nach dem Start versprach ich mir, dass ich sofort aufhören würde, wenn es mir schlechter ginge – kein Kampf, kein Missachten der Signale. Einfach nur mal los laufen, ohne Zielzeit, ohne Ehrgeiz, nur aus Freude am Laufen. Der Körper sagte „super!“

 

Isabel_RunMeditation_01.2016

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Ich kam an, die Zeit war okay, aber mir völlig egal. Es war mit der schönste Lauf, den ich je hatte, weil ich wirklich nur im Moment war. Ich dachte nicht ans Ankommen, ans schnell Sein, ans Überholen. Ich wollte einfach nur laufen. Und das tat ich. Schritt für Schritt, die Sonne im Gesicht, ein bisschen Wind um die Nase – es war herrlich. Es war auch ein bisschen hart mal, aber da hab ich einfach nur hingehört, ob das einfach nur so ist oder zu viel nach der Kotzerei...nein, alles gut, der Körper sagte „weiter!“. Als ich ankam, war ich derart glücklich und entspannt, als ob ich eine mega Vinyasa Klasse plus Yin Yoga plus Massage hinter mir hätte. Ich hatte eine Stunde lang meditiert. Pure Meditation.

Das ist Ausdauertraining für mich, die ja keine megamäßigen Wettkampfambitionen hat. Ich liebe den Weg bei der Sache. Ankommen ist cool, klar, es ist auch der Sinn der Sache. Aber wenn der Weg nicht Genuss, nicht Aufmerksamkeit, nicht Zuhören und Verbundenheit mit sich selbst ist, dann ist es alles nix.

Ich liebe beim Schwimmen, dass ich wenig höre. Meinen Herzschlag, das Wasser. Kacheln zählen sagen ja viele zum Schwimmtraining – mit dem Zusatzhinweis, dass sie es hassen, weil es so langweilig sei. Ja, genau, deshalb liebe ich es auch. Mein Leben ist dauernd aufregend, ich erhole mich gerne davon. Ich erlebe als Yogalehrerin oft, dass Schüler gerne meditieren wollen, es aber so wahnsinnig schwer finden, weil es „so langweilig“ sei.

Sie könnten den Kopf nicht still kriegen, sie hielten das Nicht-Handeln nicht aus. Eigentlich sollte ich ihnen als Begleitung zum Meditations-Einstieg Ausdauer-Training empfehlen. Damit sie sich an das Monotone, das scheinbar Ereignislose gewöhnen. Tun im Nicht-Tun. Denn letztlich setze ich den Körper in Bewegung – und idealerweise läuft es dann. Als ob man nichts mehr dazu tun müsste. Übrigens ist das der großartige Moment im Pranayama (Atemübungen): Wenn man merkt, man „macht“ zwar die Atemübung, aber da kommt dieser Moment, wo man geatmet wird. Das ist eine entspannende, aber auch spirituelle Erfahrung.

Also geh raus und finde das Wunder, das darin steckt, dass Du gelaufen, geschwommen, geradelt wirst. Es ist eine große Erfahrung. Ich kann es nicht besser ausdrücken als mein Lieblingsschriftsteller und Ultra-Läufer Haruki Murakami: „Wenn ich laufe, laufe ich einfach. Normalerweise in einer Leere. Oder vielleicht sollte ich es umgekehrt ausdrücken: Ich laufe, um Leere zu erlangen. Die Gedanken, die mir beim Laufen durch den Kopf gehen, sind wie Wolken am Himmel. Sie kommen und ziehen vorüber."

Dazu habe ich noch zwei Literaturtipps für Euch:

Haruki Murakami, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede, Dumont Verlag.

Matthias Politycki, 42,195, Hoffmann und Campe

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