Jonas

Jonas

10. Februar 2021

It ain’t a workout!

Schon lange wollte ich einen weiteren Artikel für Bee schreiben. Ich könnte behaupten, dass seit meinem letzten Beitrag vor knapp zwei Jahren nichts passiert wäre, aber das wäre schlichtweg gelogen. Im Gegenteil: zu viel ist passiert! Nicht auf eine Art und Weise, die es mir nicht möglich gemacht hätte mich hinzusetzten und ein paar Absätze zu schreiben, sondern dass es mir nicht möglich war ein Thema herauszupicken: meine Dengue Infektion auf Bali, unsere Corona-bedingte Rückkehr nach Deutschland, das Zusammenleben mit meinen Eltern nach 13 Jahren ‘in Freiheit’, Jobsuche, Wohnungssuche und vieles mehr. Wann immer ich ein vermeintliches Thema gefunden hatte, passierte bereits wieder etwas Neues, Spannenderes, Wichtigeres. Ein Thema, das allerdings im vergangenen Jahr immer wiederkehrend war, ist Tradition und Spiritualität im Yoga.

Meine Zeit bei The Practice auf Bali — als Schüler, als auch als Lehrer— war sehr prägend für mich und rückblickend bin ich ungemein dankbar das Studio so früh in meinem ‘Yogi-Leben’ entdeckt zu haben. Für alle, die das Studio nicht kennen: alle Lehrer des Studios unterrichten Tantrisches Hatha Yoga; Kein Yin, kein Power Flow, keine Urban Beats, keine Handstand Workshops, kein Acro Yoga, sondern traditionelles Yoga mit Mantra und Meditation als Kernelementen - genau so, wie es bereits vor Jahrhunderten gelehrt wurde. Nichts von dem was wir dort Lehrten und Lernten wurde von uns oder unseren Lehrern ‘erfunden’, alles wurde weitergegeben —genau so, wie es bereits schon vor Jahrhunderten weitergegeben wurde. Und es ließ uns eine gewisse Ehrfurcht verspüren. Nicht die Lehrer*innen standen im Fokus, sondern die Lehren. Wir teilten etwas mit unseren Schüler*innen, das bereits Jahrtausenden genutzt wurde, um Menschen zu helfen. Helfen? Ja, bei was denn eigentlich? Kräftiger zu werden? Beweglicher? Populärer? Nein, weit gefehlt, dabei ein besseres Leben zu führen und die großen Fragen des Lebens zu beantworten. Was ist das hier eigentlich? Wo kommt es alles her? Wohin geht es? Wer bin ich? Und was soll ich mit diesem Leben anfangen?

All jene Fragen, die sich heute kaum jemand zu stellen wagt. Denn sind sie einmal da, gehen sie nicht mehr weg bis man eine Antwort gefunden hat. Und das richtige Yoga kann einem dabei helfen diese Antworten zu finden. Aber heute, v.a. bei uns ‘im Westen’, scheint es primär um Physis zu gehen, ums Sehen und Gesehen zu werden und um Unterhaltung. Statt ins Kino (wenn sie mal wieder offen hätten) geht man halt zum Yoga. Wie zum Aerobic in den 90ern, geht man halt heute zum Yoga. Etwas, das ich auch in meinen Klassen immer wieder hervorhebe: es heißt ‘Yoga üben’! Üben heißt Wiederholen. Erst wenn wir Asanas, Pranayamas oder Meditationen Dutzende, wenn nicht sogar hunderte Male wiederholt haben, können wir ihren Kern, ihre Essenz erfahren. Hat ein Gros der Schüler daran überhaupt Interesse? Ein wildes Handstand-Chaturanga-Urdhva Danurasana Feuerwerk macht da doch viel mehr Spaß, nicht wahr?

Aber es gibt sie doch -wie einst das kleine Gallische Dorf, das ”Dorf der Unbeugsamen”- Schüler, die sich nicht in in den Fitnesswahn hineinziehen lassen, sondern genau das suchen, was Yoga seit Jahrtausenden zu bieten hat: ‘Yog’ -das Einswerden mit Ishvara, Universal Consciousness oder der Quelle, die manche vielleicht auch Gott nennen wollen. Man findet sie nicht nur in den kleinen Eckstudios deutscher Großstädte, die mit den vertrockneten Pflanzen, den Chakrabannern und Kristallen im Fenster (Ihr wisst genau wovon ich spreche!). Es gibt sie auch in den größeren Studios und in nicht allzu ferner Zukunft könnt ihr sie auch in den vollsten und populärsten Klassen finden. Denn wer sich einmal den großen Fragen des Lebens stellt, wer einmal Blut geleckt hat und Yoga wirklich erfahren hat, wird den Weg in seine/ihre alte ‘Fitnessklasse’ nicht mehr finden. Einer der größten Ayurveda Ärzte unserer Zeit, Vasant Lad, wurde einmal gefragt, ob man nicht einfach die Spiritualität aus dem Ayurveda herausnehmen könnte. Er entgehende, dass das absolut kein Problem darstelle, jedoch wäre Ayurveda dann tot. In diesem Sinne: traditionelles Yoga hat schon vieles überlebt und wird auch diese Fitness- und Entertainmentwelle überstehen. Wir sehen uns!

Neben seinen regulären Klassen bei Lord Vishnus Couch und The Vinyasa People unterstützt Jonas Sportler mit seine Erfahrung aus Leistungssport, Yoga und Ayurveda. Mehr Infos findest du unter: www.acebe.de

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