Luisa

Luisa

06. November 2015

Über das traurige VIP-Bändchen, das Yogalehrer gerne tragen…

Seit geraumer Zeit befinde ich mich in einer Yogalehrer-Identitätskrise, die bitte nicht mit einer Yogakrise per se verwechselt werden darf. Im Gegenteil: Ich liebe Yoga. Sogar sehr. Auch wenn ich ihn gerade hauptsächlich abseits der Matte (Real Life Yoga!) und relativ wenig „on the mat“ praktiziere, ist er ein wichtiger Anker in meinem Leben.

Warum dann Krise? Je tiefer ich in die moderne Yoga-Welt eintauche, umso mehr Paradoxe finde ich vor. Das Gegenwärtigste und Skurrilste: Wieviel Yoga geht eigentlich in den Social Media ab?! Keine Frage, ich nutze Facebook  auch, um meine Kurse und Workshops anzukündigen und den einen oder anderen yogischen Gedanken zu teilen. Jedoch besitze ich kein Selfie-Kit wie – verblüffenderweise – so viele selbsternannte Online Gurus, mit der ich mich tagtäglich als Super-Yogi inszeniere. Perfekt gestylt. Maximal verrenkt. Optimal verhashtagt. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Ego in seiner Fülle vor Publikum präsentiert.

Wenn ich Posts dieser Art sehe, kommt mir jedes Mal zwangsläufig das Bild des schmachtenden und zugleich völlig verzweifelten Schülers in den Sinn, der sich beim Anblick des turnenden Yoga-Egos „schlecht“ und sogar weniger yogisch fühlt. Das macht mich traurig, sehr traurig. Weil genau das der Yoga nicht will: Die Überidentifikation mit der Rolle des Yogalehrers und die damit einhergehende Abwertung des Schülers. Für mich persönlich ist der Schüler der wichtigste Part und Spiegel im Dasein als Yogalehrer. An ihm kann ich lernen und wachsen – ohne ihn gäbe es meine Berufung nicht. Plus, wer sich elitär erhebt, auf „schlechtere“ Yogalehrer herabschaut und zu „besseren“ aufsieht, der ignoriert einen wichtigen Schatz auf dem Weg der eigenen spirituellen Entwicklung: Demut.

Was mir auch nicht gefällt ist die Tatsache, dass so mancher Spiritual Leader sich anmaßt zu suggerieren, dass Yoga lediglich auf der Matte – am besten in angesagten Studios, an malerischen Stränden oder auf einem ruhigen Bergvorsprung – passiert. Ohne Zweifel liebe ich diese Plätze auch, um meine Matte auszurollen. Mir selbst am nächsten bin ich mir dort aber nie gekommen, bzw. meinen dunkelsten Seiten. Mit ihnen werde ich im fordernden Alltag und in Beziehungsgeflechten konfrontiert: wenn mein Sohn meine Gedulds- und Nervenfäden ausreizt, wenn ich mich dabei ertappe, für mein Glück völlig irrelevante Umstände zu beklagen oder wenn ich mich in Unzufriedenheit suhle, um Mitleid zu ernten – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Diese Muster zu identifizieren und nicht mehr zuzulassen, das ist gelebter Yoga.

 

Stille

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Eine meiner Yogalehrerinnen hat mir neulich erzählt, dass eine Schülerin sie – auf der Suche nach einem schönen Retreat – gefragt habe, welcher Teacher sie aktuell so wirklich, wirklich inspiriert. Ihr fiel keiner ein. Ich finde das nicht schlimm, sondern sogar ein bisschen nachvollziehbar. Im Prinzip ist es überall dasselbe Schema: neue Konzepte entwickeln, ihnen einen coolen Namen geben, sie kommerzialisieren, ein Buch schreiben und sich dann im Namen des Yoga abgrenzen. Das hat für mich nicht so viel mit teilen zu tun, sondern mit ausnehmen. Meine „besten“ Yogalehrer, und damit meine ich die, die wirklich etwas in mir bewegt haben, waren die, die mich immer wieder an den Guru in mir erinnert haben.

Ich glaube, mit den wahren Yogalehrern ist es ein bisschen wie mit allem Wertvollen im Leben: sie sind leise und suchen nicht, sondern finden. Sie sehen das Schöne im Einfachen und teilen genau diese Begeisterung. Sie freuen sich von Herzen, wenn ein neuer Yogalehrer geboren wird.

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