Paria

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29. Dezember 2016

Schwerelos

Im September hatte ich das Glück im Rahmen einer Studie der Sporthochschule Köln als Probandin bei einem Parabelflug in Bordeaux, Frankreich, dabei sein zu dürfen. Ich erinnere mich an den Physikunterricht in der Schule, als unsere Lehrerin von der Schwerelosigkeit bei Parabelflügen erzählte. Ich durfte es nun endlich selbst erleben! Bisher dachte ich immer, dass das Springreiten oder das Hüpfen auf einem bellicon dem Gefühl des Fliegens am nächsten kommt. Das Erlebnis im Flugzeug war jedoch eine vollkommen andere Erfahrung.

Der Parabelflug wurde am Tag zuvor vorbereitet. Es wurden blaue Unisex-Anzüge verteilt, die Probanden wurden eingewiesen und Verhaltensregeln für den Flugablauf wurden uns erklärt. Diverse Wissenschaftler und ihre Forschungen wurden vorgestellt und auch die Piloten, die Crew und Mediziner gaben uns die letzten Anweisungen vor dem großen Tag. Zudem haben wir bereits erste Tests für die Studie durchgeführt und uns wurden unsere Aufgaben während der Schwerelosigkeit genannt. Wenn ich gewusst hätte, was mich am nächsten Tag erwartet, wäre ich wohl nicht so ruhig sitzen geblieben und auch der Schlaf in der Nacht davor, wäre deutlich kürzer ausgefallen.

blaumannfrau

Früh am nächsten Morgen ging es los. Vor Ort gab es eine kleine Dosis Skopolamin, ein Wirkstoff, der die Flugübelkeit vermindern soll und schon durften wir in den Flieger steigen.

Der Anfang verlief wie bei einem gewohnten Flug ab. Alle setzten sich auf einen Sitzplatz, die im hinterem Teil des Flugzeugs montiert waren. Die Einweisung war amüsant, denn statt eines Stewards oder einer Stewardess, begab sich ein junger, gut durchtrainierter Mann im auffällig orangenem Anzug nach vorne. Ich habe, anders als bei gewohnten Flügen, aufmerksam den Sicherheitsanweisungen zugehört. Die Anschnallzeichen wurden kurze Zeit, nachdem das Flugzeug abgehoben ist freigegeben, damit die Wissenschaftler noch letzte Vorbereitungen für den Flug vornehmen konnten.

Auf einmal ging alles ganz schnell. Das anfänglich schummrige Gefühl und verzerrte Bild von der Injektion ließ nach und die 0. Parabel, eine Parabel zum Angewöhnen an die Schwerelosigkeit, wurde geflogen.

Ich lag auf dem Rücken und hielt mich an einem Sicherungsnetz fest. Die Kommandos gingen los: Pull up - nun durften wir uns nicht mehr bewegen, denn doppelte Gravitation herrschte. Das war deutlich zu spüren. Ich wurde auf den Boden gepresst und ein unangenehmer Druck auf den Oberkörper erschwerte das atmen. Ich musste sofort an den medizinischen Check zu Hause denken, den ich bis dahin für unnötig gehalten hatte. Die Gradzahlen wurden durchgegeben „20-30-40-Injection“. Auf einmal wurde es ganz still im Flugzeug. Es ging los- das Bild drehte sich und ich wusste nicht mehr wo oben und wo unten ist. Der Druck, der vorher auf dem Körper lag, war verschwunden und ich schwebte. Jedoch auf dem Kopf! Was ist da nur los? Es gab jedoch keine Zeit; lange darüber nachzudenken, denn schon kam die Anweisung des Piloten: „30-20-Pull out“. Ich zog mich schnell nach unten, oder dahin, wo ich vor der Parabel für unten gehalten habe. Denn es war wichtig, den Anweisungen des Arztes zu folgen und sich nicht zu bewegen. Es herrschte wieder doppelte Schwerkraft und jede kleine Bewegung kann für Übelkeit und Erbrechen sorgen. Was war passiert? Warum drehte sich alles auf den Kopf?

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Noch 30 weitere Parabeln folgten. Bis auf ein paar Freiparabeln in der Free-Floating Area, hatte ich Aufgaben als Probandin zu erledigen, die am Tag zuvor noch sehr einfach erschien. Nach etwa 20 Parabeln hat mein Gehirn es verstanden: ich falle nicht, ich schwebe(!) leicht und locker, wie ein Luftballon durch die Gegend. Es drehte sich nicht mehr alles auf den Kopf.

Was mich erstaunte: alle Gesetze der Bewegung hatten keine Bedeutung mehr. Ich beherrsche so viele Sportarten auf hohem Niveau, glaubte meinen Körper zu kennen. Doch in Schwerelosigkeit war ich vollkommen überfordert, hatte nur wenig Einfluss auf meine Bewegungen und war sehr unbeholfen unterwegs: Alle mir bekannten motorischen Fähigkeiten und Gesetze wurden außer Kraft gesetzt. Atemtechniken und Konzentration halfen mir dennoch. In doppelter Gravitation und vermieden bei mir jegliches Unwohlsein.

Das Gefühl von Leichtigkeit, wie ich es beim Flug erleben durfte, kannte ich bis zu diesem Moment nur aus Träumen, in denen man schwebt. Das neu erworbene Gefühl sollte mich noch einige Wochen im Schlaf begleiten.

Ich bin sehr dankbar, diese Erfahrung gemacht zu haben und noch Monate später zaubert mir die Erinnerung an den Schwebezustand ein Lächeln ins Gesicht.

Wer gerne mehr Impressionen und Erklärungen des ZERO-G Fluges und der Kampagne in September sehen will, kann gerne unter dem folgenden Link alles in einem kurzen Video anschauen (ab 14:30 min sind die beschriebenen Momente der Schwerelosigkeit zu sehen).

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