Sarah

Sarah

21. Juni 2019

Spiritual, why not?

Ich möchte dir etwas über das Thema Spiritualität erzählen. Nicht, weil ich dich bekehren möchte, sondern eher, weil es in den letzten Jahren zu meiner Herzensangelegenheit wurde. Und das war partout nicht immer so.

Im Gegenteil: Ich erinnere mich immer wieder gerne mit einem Schmunzeln daran, wie ich früher als kleines Mädchen herumgerannt bin und jedem, der es wissen wollte, stolz erklärt habe, dass ich ein Heidin bin. Eine Atheistin. „Ich glaube an gar nichts, vor allem nicht an Gott“, habe ich gesagt. Schließlich existierte für mich nur das, was ich sehen, riechen, tasten und schmecken konnte.

Ich war und bin ein sehr rational denkender Mensch. Mein Verstand hat überwiegend die Entscheidungen für mich getroffen. Chemieleistungskurs, Forschungswettbewerbe und schließlich ein Studium in Wirtschaftsingenieurwesen mit der Vertiefung in Chemie und Verfahrenstechnik. Anders als viele andere Menschen schätze ich die Mathematik. Ich mag ihre Logik und arbeite gerne mit Algorithmen. Entweder etwas ist richtig oder es ist falsch. Alles folgt Gesetzmäßigkeiten.

Was möchte ich dir damit sagen? Ich möchte damit sagen, dass ich alles andere als Feenstaub und Seifenblasen bin. Ehrlich gesagt, hätte ich nicht im Entferntesten daran gedacht, einmal einen Artikel über Spiritualität zu schreiben. Und nun sitze ich hier, es ist 9:03 Uhr an einem Donnerstagmorgen und ich möchte meinen Weg zur Spiritualität mit dir teilen und dir die Angst vor dem S-Wort nehmen.

Aller Anfang ist Yoga

Fangen wir von vorne an: Ich habe bereits in meiner Kindheit Yogastunden besucht. Ich war nie ein großer Fan von Ball- oder Gruppensportarten und hatte auch schon immer ein sehr ruhiges Wesen. Da meine Mutter zu diesem Zeitpunkt Fitness- und Gesundheitstrainerin war und sich auch immer wieder mit dem Thema Yoga beschäftigte, lag es irgendwie nahe, dass ich das auch einmal ausprobierte. Meine erste Yogaeinheit besuchte ich mit etwa elf Jahren. Ich fühlte mich sofort wohl, angekommen, einfach richtig. Ich musste mich in diesem Raum in der Altstadt Spandau nicht vergleichen, keine Urkunde erwerben und niemanden etwas beweisen. Ich durfte einfach sein. Kind sein.

Zu diesem Zeitpunkt lebten wir etwas außerhalb von Berlin, umringt von Feldern und Wiesen mit einem Garten voller Tiere. Ich fühlte mich schon immer sehr verbunden mit Ihnen. Für mich waren diese Tiere -mein Hase, Hund und Meerschweinchen- meine Freunde. Es war mehr als offensichtlich, dass ich meine Freunde nicht essen konnte. Aus diesem Grund wurde ich mit etwa 12 Jahren Vegetarierin. Als einziges und erstes Mitglied in meiner Familie und meinem gesamten Umfeld.

Irgendwann wechselte ich meine Yogagruppe und durfte zu den Erwachsenen. Da war ich vielleicht 16 Jahre alt. Die Yogapraxis wurde intensiver. Wir übten Meditation, Entspannung, ja sogar Pranayama (Atemübungen). Am Ende der Yogapraxis wiederholten wir alle gemeinsam eine Affirmation. Diese Affirmation begleitet mich bis heute und wenn es mir schlecht geht, ist diese Affirmation wie Balsam für meine Seele. Mein Fels in der Brandung.

Ich möchte sie gerne mit dir teilen:

Ich will im festen Vertrauen vorwärts schreiten, dass die Macht, des allgegenwärtigen Guten, mir das was ich brauche zur rechten Zeit beschaffen wird.

Hättest du mich zu diesem Zeitpunkt gefragt: “Liebe Sarah, bist du spirituell?“

“Absolut nicht (!),” wäre meine Antwort gewesen.

Yoga begleitete mich weiter auf meinem Weg. Mal mehr und mal weniger. Während meines Abiturs und zu Beginn meines sehr rational gewählten Studiums in Wirtschaftsingenieurwesen (naturwissenschaftliches Interesse gepaart mit dem Bedürfnis nach gesundem Wohlstand), hatte ich Yoga fast aus den Augen verloren. Doch wie das Universum manchmal so will, führten eine Reihe von sehr persönlichen und zu diesem Zeitpunkt überwiegend negativen Ereignissen dazu, dass ich 2016 eine Ausbildung als Yogalehrerin in einem Ashram in Bad Meinberg absolvierte.

Sich für Veränderungen öffnen

Die Zeit im Ashram war wie ein Anhalten, ein Pausieren. Als hätte ich auf Stopp gedrückt, um mein jetziges Leben von Außen zu betrachten. Die bis heute intensivste Zeit meines Lebens. Ich musste mich mit Themen wie Krankheit, Beziehungen und Angst auseinandersetzen. Meist sind es die Extremen die dazu führen, dass wir uns mit den Fragen des Lebens beschäftigen. Meist führen erst großes Leid oder große Freude zu persönlichen Veränderungen.

Wer bin ich jetzt und wer möchte ich sein?

Welche Menschen umgeben mich? Tun mir diese Menschen gut?

Wie sehen meine Werte aus?

Während dieser Zeit und intensiven Yogapraxis, lernte ich vor allem auch den Satsang kennen und lieben. Während des Satsangs werden spirituelle Lieder oder auch Mantren gesungen. Außerdem wird unter anderem meditiert und ein Friedensgebet gesprochen. Eine Form des Yoga, die mein Herz förmlich wie von selbst öffnete und mich mit den Menschen um mich herum verband. Und zum ersten Mal, auf einem Meditationskissen sitzens, in einem Raum voller Yogis und Yoginis, an einem Ort, der der spirituellen Praxis gewidmet ist, gestand ich mir ein; Sarah du bist spirituell.

Es war und ist die schönste und prägendste Erkenntnis.

Rückblickend würde ich sagen, dass Spiritualität mich bereits als Kind umgab und ich von Kindesbeinen an spirituell lebte: Ich fühlte mich mit Tieren und mit der Natur verbunden. Ich versuchte achtsam mit mir, meinen Mitmenschen und der Umwelt umzugehen. Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, ist ein Prinzip, dem ich schon lange Zeit folge, ohne es jedoch  konkret Ahimsa benannt zu haben. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass die Natur, das Durchatmen in der Natur, mir Kraft und Energie spendet. Heute weiß ich, dass nennt man Prana, die Lebensenergie. Und vor allem vertraute ich dem Universum, dass die Macht, des allgegenwärtigen Guten, mir das, was ich brauche zur rechten Zeit beschaffen wird…

Das böse S-Wort

Ich wollte es schlichtweg über all die Jahre einfach nicht wahrhaben. Ich und Spiritualität? Nein, danke. Doch wieso konnte ich mir diesen Aspekt meines Lebens nicht eingestehen und fühle mich noch heute von Zeit zu Zeit eingeschüchtert, diese Seite offen zu kommunizieren?

Vielleicht sollten wir dafür zunächst klären, was Spiritualität als Wort überhaupt bedeutet. Der online Duden spuckt mir sofort die Begriffe Geistigkeit; inneres Leben, geistiges Wesen aus. Durchforsche ich weiter das World Wide Web stoße ich auf Begrifflichkeiten wie höhere Wirklichkeit, höheren Sinn, inneres Glück und Selbstverwirklichung.

Und genau hier liegt der Knackpunkt. Spiritualität ist schwer greifbar. Du kannst es weder kaufen, noch konsumieren oder an- und ausschalten.

Außerdem assoziiert die Mehrheit der Menschen, mein damaliges Ich eingeschlossen, Spiritualität sofort mit einer Kristallkugel, Dreadlocks, Horoskopen und Sternzeichen. Spiritualität ist in den Köpfen meist untrennbar mit Esoterik oder Gott verknüpft. Ein Tabuthema in der normalen, rationalen und an Wachstum und Fortschritt interessierten Welt.

Doch Spiritualität kann so viel mehr sein als das. Jeder einzelne Mensch, jedes Individuum, darf für sich entscheiden, wie seine oder ihre Spiritualität aussieht und wie sie gelebt werden möchte.

Was Spiritualität für mich bedeutet

Für mich bedeutet Spiritualität, mich verbunden zu fühlen. Mit dem Universum und mit jedem einzelnen Lebewesen. Lokah samastah sukhino bhavanthu. Ich wünsche mir Glück, Liebe und Harmonie für jedes Wesen. Daraus ergibt sich für mich (ganz logisch und rational), dass ich achtsam und behutsam mit meiner Umwelt umgehe und den Menschen mit Mitgefühl und Empathie begegne. Empathie ist für mich ein unglaublich wichtiger Aspekt für die Heilung dieser Welt, für die Bewältigung von Konflikten und ein fester Bestandteil meiner Spiritualität.

Achtsamkeit ist für mich ebenfalls ein Teil meiner Spiritualität und bedeutet, dass ich mir Raum für Ruhe und Stille gebe, indem ich nicht bewerte oder vergleiche. Angekommen im Hier und Jetzt. Ohne an morgen oder gestern zu denken. Und bezogen auf meine Umwelt, dass ich versuche möglichst nachhaltig und ökologisch zu leben.

In schwierigen Zeiten hat mir meine Spiritualität Mut und Kraft gegeben, Situationen und Hindernisse zu meistern. Hindernisse, und seien sie noch so groß und schwierig, nehme ich mittlerweile als eine Art Aufgabe, die mir das Leben geschenkt hat, um zu wachsen und mich weiterzuentwickeln. So kitschig es auch klingen mag.

Und das heißt auf keinen Fall, dass ich Luftsprünge schlage, sobald mir ein Stein in den Weg gelegt wird oder ich zu einer unglaublich unpassenden Zeit durch Krankheit ausgeknockt werde. Ich habe genauso meine Momente, in denen ich frustriert bin und ab und zu auch in den „wieso schon wieder ich“-Gedanken falle. Doch insbesondere die Meditation hat mir geholfen, mich schneller von diesen Gedanken und von Frustration zu lösen. Ich habe gelernt, Umstände anzunehmen und mit Vertrauen in meine eigene Kraft, Situationen zu begegnen.

Meine Spiritualität hindert mich auch nicht daran, einen maybe auf Big Business ausgerichteten Job auszuüben. Geld ist auch nur eine Form von Energie und etwas, dass du in der heutigen Welt benötigst, um zu leben und auch um Gutes zu tun. Es ist mehr die Art und Weise wie du deinen Job gestaltest, die sich durch Spiritualität verändert. Vielleicht verleiht Spiritualität beispielsweise deinem Beruf einen höheren Sinn oder hilft dir, deinen Werten entsprechend zu handeln.

Spiritualität ist kein Hokuspokus. Spiritualität beißt auch nicht. Spiritualität ist das, was man draus macht. Mit oder ohne Räucherkerze.

xoxo, deine Sarah Ananda

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