Vera

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03. Juli 2015

Träume

Ich habe vor kurzem einen Teil meines Urlaubs in meiner alten Heimat verbracht. Obwohl ich bereits in mehreren Städten gewohnt und dabei tolle Orte kennengelernt habe, ist es immer wunderbar wieder nach Hause zu kommen und die Schönheit Tirols zu erleben.

 

Träume

 

Ich komme ursprünglich aus einem 700 Einwohnerdorf im Herzen Osttirols. Und auch wenn ich bereits früh wusste, dass ich später wohl nicht in meiner Heimat leben und arbeiten werde, so war es wirklich eine schöne Kindheit und Jugend mitten in den Bergen, ohne Fernweh, weil wir da wohnten, wo andere auf Urlaub hinfahren. Im Winter hieß es deshalb von Kindesbeinen an Skifahren und Snowboarden ohne Ende und mit möglichst wenig Pausen, weil man ja keine Abfahrt versäumen wollte. Im Sommer wurde dagegen fleißig Beachvolleyball im Freibad oder am Bergsee gespielt. Die Schule machte Spaß, man konnte sich einbringen, Zusatzkurse wie Literatur belegen oder im Leichtathletikteam aktiv sein und kam dank engagierter LehrerInnen auch immer wieder ganz nett herum. Ich könnte wirklich nicht sagen, dass mir groß etwas gefehlt hätte.

Als ich nun neulich zuhause auf ein altes Buch stieß, das Eltern in den ersten Lebensjahren für ihre Kinder so anlegen - mit Bildern, handschriftlichen Aufzeichnungen über die ersten Worte inklusive witziger wortwörtlicher Anekdoten aus dem Alltag der ersten Jahre - musste ich schmunzeln über meine, demnach, fünf Lebens- und Berufswünsche im zarten Alter von vier oder fünf Jahren (ich dachte immer, es wären nur drei gewesen ;-)). Natürlich damals mit dem Gedanken, dass sich alle diese Berufe parallel ausgehen würden. Offenbar war ich schon als Kind ein echter Scanner. Interessanterweise hat sich bis heute aber sehr vieles davon erfüllt, nicht nur in Sachen Job. Da wären: eine großartige, herzliche Familie, die immer für mich da ist, eine seit Studienbeginn stabile Beziehung, mittlerweile über ein Jahrzehnt hinweg, in der ich ganz ich selbst sein kann, einen kleinen Zoo, der täglich mein Herz erwärmt, ein eigenes Unternehmen, das ein eigenständiges, facettenreiches Arbeiten ermöglicht, ein wunderbares Eigenheim, welches Ruhe- und Kraftort in einem ist, den Luxus nach dem Studium fast permanent berufsbegleitend lehrreiche Ausbildungen zu absolvieren, weil ich gerne lerne und unterschiedliche Bereiche miteinanderverknüpfe. Ich bin dankbar für die Erfüllung dieser Wünsche und Träume, für all die wunderbaren Menschen, Tiere und Dinge in meinem Leben (und ich rate übrigens jedem, gedanklich oder schriftlich ebenso regelmäßig alles aufzählen, wofür man dankbar ist, weil es nachweislich noch glücklicher macht).

Aktuell fühle ich sowohl in meinem Umfeld als auch in der „Online-Welt“ sehr stark, wie viele auf der Suche sind, nach ihrer Berufung, ihrer Erfüllung, nach Zufriedenheit im Leben, nach ihren eigenen Zielen und dem Erreichen dieser. Obwohl sie rennen, tun und machen, „hart arbeiten“ wie es so schön heißt, sind sie trotzdem nicht angekommen oder können nicht das leben, was sie eigentlich ausmacht. Sehr oft werden fremde Ziele verfolgt, Ziele, die als „angesehen“ gelten, die einem selbst beim Erreichen aber gar keine besondere Erfüllung bringen. Was dann entsteht ist vielmehr Leere. Oft wird sich dann erst recht noch mehr in die Arbeit und Zielverfolgung geworfen. Denn es kann ja nicht sein, dass es einen nicht mit Stolz und Glück erfüllt, wenn es so viele andere toll finden. Genau hier liegt der Hund begraben, denn wir sind alle unterschiedlich. Unser persönlicher Traum kann für jemand anderen der absolute Albtraum sein. Ich habe beispielsweise von Klein auf immer viele Haustiere haben wollen, bin mir aber sicher, dass mein wahr gewordener Traum von derzeit drei Katzen und einem großen Hund nicht nach jedermanns Geschmack ist. Ganz zu schweigen von meinem – nicht ganz heimlichen – Traum von einem Dobermann oder besser gesagt einer Doberfrau. Und ach ja, von dem chinesischen Schopfhund. Spätestens jetzt würden nahezu alle aussteigen, während meine Augen zu leuchten und mein Herz zu hüpfen beginnen . Genauso ist es im Job, mit Freundschaften, Urlauben, Wohnorten... Was dem einem das Herz aufgehen lässt, muss für einen anderen bei weitem nicht erstrebenswert sein. Auch wenn es die Eltern, Freunde, Verwandte, Bekannte, die Gesellschaft – whoever, anders sieht.

Warum ich das überhaupt hier schreibe? Weil ich das Gefühl habe, dass in unserer Welt oft ein Einheitsbrei vorherrscht. Etwas wird erstrebenswert, weil es jemand anders hat oder will, ein Ziel wird verfolgt, welches eben nicht mal das eigene ist und deshalb auch nie erfüllen wird. Das gibt es in sämtlichen Bereichen, ob es das Essverhalten, eine Sportart, die Studienwahl oder der Job ist. Man will dazu gehören, was ja ganz menschlich ist, aber vergisst und vernachlässigt dabei seine echten Ziele. Seine eigenen Werte. Das, was einen selbst zum Strahlen bringt, Spaß macht, Zufriedenheit und Freude schafft. Möglicherweise ist das so, weil man Angst hat, dass die eigenen, echten Träume vielleicht weniger cool sind, weniger toll, weniger *bittehiereinfancyworteinsetzen*. Man will am liebsten gleich sein, so wie die anderen. Vielleicht einen kleinen Tick cooler. Auf jeden Fall will man zu den „Gewinnern“ zählen. Und trotzdem wirkt das Gras auf der anderen Seite irgendwie immer eine Spur grüner, dichter und schöner...

Früher habe ich kategorisch ausgeschlossen, je in meine Heimat zurückzukehren. Mittlerweile würde ich das aber nicht mehr bis in alle Ewigkeit so sehen. Weil ich neulich dort, in meiner alten, wunderschönen Heimat etwas spüren und wahrnehmen konnte, was ich in der vermeintlich „großen weiten Welt“ oftmals vermisse und möglicherweise genau deshalb so zu schätzen und lieben weiß: Echtheit. Leeres Eigen-Marketing, Vorgeben von XY, Verstellen, verzweifeltes Jagen von fremden Zielen, das schlichte Kopieren von anderen, leere vermeintlich schöne Worte – erlebe ich dort wesentlich seltener. Dafür gibt es wie von Natur aus viele freundliche, zufriedene Menschen, die das sind und leben, was sie sind. Die nicht das eine predigen und dann selbst anders handeln. Authentizität. Das ist es, was ich dort spüre. So vieles wunderbar pur. Typisch tirolerisch vielleicht mit einer leichten Prise Sturheit. Aber dafür echt und von Herzen.

Schlussendlich hat sich mit dieser Erkenntnis ein weiterer, ganz neuer Traum in mir aufgetan. Mal schauen, ob er weiter wächst und was aus ihm wird.

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